Web 2.0 in China
Oliver Ueberholz hat Samstag Morgen auf dem BarCampMunich einen interessanten Einblick in den Teil des Internets gegeben der für die Meisten von uns aus lustigen gemalten Zeichen besteht.
Stand der Dinge
In China surft man derzeit auf einer VC Welle. Alleine über 220 horizontale Video on Demand Portale alà youtube gibt es im Land der lachenden Sonne. Oftmals greift man gerne auf Kompetenz aus anderen Ländern zurück – meist gibt es dort schon Erfahrungswerte mit ähnlichen Projekten.
Der chinesische Markt bietet ein immenses Potential. Aktuell surfen rund 253 Mio. Leuten in China, zum Vergleich 42 Mio. in Deutschland und ca. 220 Mio. in den USA. Soviel ist das ja eigentlich gar nicht aber verglichen mit der Penetrationsrate liegt China derzeit bei 19 %, Deutschland bei 65% und die USA sogar bei über 72%. Trotzdem ist der deutsche Markt verglichen mit China noch in der Entwicklung. Auf 1 Blog in Deutschland kommen unglaubliche 214 in China. Dafür ist die Wikikultur in China noch nicht so verbreitet wie bei uns: Auf 5 deutsche Beiträge kommt 1 chinesischer.
Surfverhalten: Rauchende Gruppensurfer
Im Gegensatz zu westlichem Surfverhalten trifft man sich in China in Gruppen. Websurfen im Freundeskreis ist vergleichbar mit Konsolenabenden mit Freunden in Deutschland. Außerdem rauchen laut Oliver in China sehr viele Surfer (generell raucht der Chinese ziemlich viel, ich glaub er hat eine gefühlte Zahl von 90% in den Raum geworfen). Das ganze spiegelt sich auch in den erfolgreichen Onlinegames wieder: Einfache Tastenkürzel sind eine wichtige Grundlage für den Erfolg – klar, eine Hand braucht man ja zum Rauchen. In den Internetcafes ist das surfen des Weiteren ziemlich günstig, teilweise sogar umsonst. Das führt dazu dass einige User fast den ganzen Tag dort verbringen – zu Hause surfen die wenigsten.
Major Player in China
Google besitzt gerade mal einen Marktanteil von 25%. Der große Konkurrent ist Baidu. Er bietet quasi alles was Google auch hat und noch viel mehr. So ist beispielsweise eine Suche nach Personen oder MP3s möglich und die Teilnahme am Baidu Wiki. Ein weiterer großer Mitspieler ist Sina. Sina ist ursprünglich Contentprovider (Blogs, Videos,…) darf aber als eines der wenigen Medien eine Nachrichtenlizenz sein eigenen nennen. Das ein Internetportal eine Lizenz bekommt eigene Nachrichten zu verfassen ist ein Novum in China und hat schon fast einen Hauch von Pressefreiheit.
Mit 52.com findet Blogger.com seinen Gegenspieler. Der chinesische Konkurrent hat allerdings weniger Fachblogs. Über 80% der Blogs sind für Freunde und Verwandte gedacht. Die Folge: Das einzelne Blog hat weniger Leser und eine hohe Updatefrequenz. Als Konsequenz hat 52.com ein Social Network um den Bloggingdienst herum gebaut.
Alibaba hat bereits nach Europa (zumindest bei mir) Wellen geschlagen. Es ist nicht direkt ein amazon Konkurrent kann aber in die Schublade Shopping geschoben werden. Alibaba ist eher eine art Branchenbuch und gehört zum Yahoo Konzern. Die haben sich das einiges kosten lassen und den Dienst für 1 Milliarde US Dollar 2005 gekauft.
tudou ist eines der besagten VoD Portalen. Es hat sich anfangs sehr stark an professionelle User gerichtet. Um User zu gewinnen hat man hauptsächlich Fotografen u.ä. angesprochen. Im Vergleich zu YouTube bietet tudou viele Features (vor Allem als Software Download) die man beim westlichen Primus noch vermisst. Tudou bedeutet übrigens Kartoffel in Anlehnung an den Couch-Potato.
xiaunei ist das facebook Chinas. Gerüchten zu Folge soll facebook sich aber bereits den größten Wettbewerber auf dem chinesischen Markt eingekauft haben.
Bei den Bookmarkdiensten hat der deutsche Dienst Mister Wong die Nase vorne. Das kann man eventuell auf das Image des Deutschen zurück führen: Er ist sehr organisiert – das passt zum Konzept. Von Technikbegeisterten wird außerdem del.ico.us noch oft genutzt.
Wieso nutzen die chinesischen User nicht einfach westliche Dienste? Normalerweise sind ihnen die Seiten nicht chinesisch genug. Im Design, Funktionalität und Usability gibt es unterschiedliche Auffassungen von “gut”.
Copy Cats
Umso erstaunlicher ist dann die hohe Anzahl an Copy Cats. Um nur ein paar Beispiele zu nennen:
Viele dieser Kopien haben einen VC gefunden.
Wieso wird so oft kopiert?
Das ganze hat einen kulturellen Hintergrund. Das Beamtentum in China war früher sehr aufwendig. Die Ausbildung hat zwischen 10 und 14 Jahren gedauert – Klar bei den 3000 komplizierten Schriftzeichen. In der Kalligraphie war es üblich erst solange die Schrift des Meisters zu kopieren bis sie perfekt dieser geglichen hat. Erst danach hat man begonnen einen eigenen Stil zu entwickeln.
Kreise
Chinesen fühlen sich in Kreisen wohl: Arbeitskreis, Freundeskreis, Kreis der Verwandten… Gegenüber Außenstehenden dieser Kreise ist man sehr vorsichtig und bespricht schon gar keine heiklen Themen.
Bescheidenheit
In China übt man sich noch in Bescheidenheit. Man gibt möglichst wenig von sich selbst preis und fühlt sich in einer Gemeinschaft wohler als Alleine. In Communitys verwendet man daher auch ausschließlich Nicknames und stellt keine Fotos sondern knall bunte Avatare ein.
Wo liegt also die Innovation bei chinesischen Projekten?
Die kulturelle Anpassung von adaptierten Ideen ist eine schwierige Sache. Wie schon erwähnt sind Kreise enorm wichtig. Ein Projekt das diese Dinge beherzigt hat ist beispielsweise die Social Flirt Community live365.com. Einzige Angaben auf der Seite sind das Alter und ein Bild. Über eine chiffr Nummer kann man direkt die Benutzer auf ihrem Handy kontaktieren. Das widerspricht etwas dem letzten Teil des vorherigen Absatz ist aber leicht erklärt: Das Portal ist invite only. Und nicht nur das: Sollte eine Person die von User X eingeladen worden ist sich nicht angemessen in der Community verhalten werden beide ausgeschlossen. Man überlegt sich also genau für wen man “bürgt”.
Der twitterclon fanfou würde außerdem nicht ohne Gruppenfunktion akzeptiert werden. Aufgrund der Kreise und dem Gemeinschaftsdenken ist das für diese Kultur sehr wichtig.
Das virtuelle schöner Wohnen iPartment setzt voll auf virtuelle Güter – schön kitschig und in blinkenden knalligen Farben. Das virtuelle einrichten einer Wohnung und zusammen wohnen wird sehr gut angenommen. Man hat die kritische Masse mit einer grafisch relativ unaufwendigen (gif Items) Gestaltung erreicht.
Das Hochzeitsportal darizi gibt es in dieser Form “bei uns” noch gar nicht. Man erstellt quasi kleine Micro Social Networks für sich und seine Hochzeitsgesellschaft. Über das Portal kann die komplette Organisation des wichtigsten Tages im Leben vereinfacht werden. Interessant ist hierbei auch die breite Streuung der Nutzergruppe: Die gesamte Feiergesellschaft wird eingeladen und streut durch die großen Familien die Altersrange beispielsweise extrem. Eine witzige Idee: Der Bräutigam kann den Blog der Braut nicht bis zum Hochzeitstag lesen und andersrum.
Brennpunkt Zensur
Man redet oft über die krasse Zensur in China. Das ganze bessert sich allerdings stetig – baidu (Google Mitbewerber) expandiert nach Japan. Auf den Servern für .jp liegen in China Dateien, die dort eigentlich zensiert sind.
In China muss man sich eine “Net Licence” erstellen lassen. Für kommerzielle Betreiber ist das gar nicht so einfach. Diese erlaubt einem Unternehmer allerdings einen Dienst zu betreiben. Vor einem Lizenzverlust haben natürlich alle Angst. Vor Allem aber weil nicht einfach eine Abmahnung kommt sondern die Server offline gestellt werden und somit alle Daten weg sind.
Zwei G’schichtn dazu von Oliver: Die Baupläne eines Architekturwettbewerb wurden erst nach einer Prüfung durch die Stadtverwaltung öffentlich bereit gestellt. Man versucht damit nur Vorschläge zuzulassen die den eigenen Vorstellungen entsprechen. Nach Olivers Meinung (die ich unterstütze) sollte man allerdings auch mal nach Deutschland sehen: Der Chefredakteur einer Redaktion bestimmt auch maßgeblich welche Inhalte letztendlich veröffentlicht werden. Das ist zwar keine direkte Zensur aber lässt irgendwie auch nur eine Meinung zu.
Um die Zensur zu umgehen nutzten viele Chinesen den service picidae – dieser macht Screenshots der Seiten die man besuchen will und sind somit lesbar. Wer übrigens mal sehen will ob die eigene Seite in China geblockt wird kann mit great firewall of china das Internet aus dem “Reich der Mitte” sehen.
Fazit: China kann mehr als Kopieren / Spannender Markt mit viel Potential
In vielen Trends ist uns China vor raus: P2PTV, Mobile Payment (generell mobile), virtual goods (tamagotschi device unabhängig) und Long Tail Produkte sind wesentlich weiter entwickelt und verbreitet als unser Orts. Wir sollten vielleicht auch mal nach China sehen und Trends zu erkennen. Wird dort ja auch so gemacht. Sehr spannender Vortrag von Oliver, danke. Ich hoffe ich konnte auch dazu Beitragen dass einen Überblick über das scheinbar geteilte Internet zu geben. Die Slideshow von Oliver gibt’s auch online.



