B2B Social Media ist das schönere Social Media
geschrieben am July 27, 2010 von Florian Bergmann
F2C, F2B, C2C,… genug der Akronyme. Hier geht es um B2B und nicht darum, einen neuen X2X Begriff zu finden um sich nicht mit dem Problem auseinander zu setzten. Ich stecke derzeit recht tief in dem Thema B2B und Social Media drin, da ich einen Workshop zu diesem Thema vorbereite. Der Blogpost von Cem Basman (“Social Media: Des Kaisers neue Kleider“) und die Antwort von Michael Nordmeyer (“Social-Media-Irrelevanz bei B2B-Beziehungen“) sowie die Kommentare auf diese Posts sind ein schöner Anlass erste Gedanken hier zu veröffentlichen.
Ist Social-Media überhaupt B2B tauglich?
Ja! Es ist sogar das schönere Social Media. Im B2B, also vereinfach gesagt Geschäftsabschlüsse zwischen Unternehmen bzw. Dienstleister, besteht meist eine wesentlich engere Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden. Auch hier handeln Menschen, allerdings nicht um für sich selbst zu kaufen, sondern um für ein Unternehmen den (subjektiv) Best-Möglichen Verkaufsabschluss zu erzielen. Soweit die abstrakte Theorie.
Das schönere Social Media
Man kennt sich…
Auch im Social Web ist eines der größten Probleme die Streuung: Es gibt sicherlich schier unendlich viele Möglichkeiten Aktionen zu targeten bzw. einen Fokus darauf zu setzten jedoch ist der Maßstab hierfür meist eine Umfrage unter einer “repräsentativen Konsumentengruppe”. Okay, wollen wir hoffen es gab so eine Befragung (bzw. sekundär Studien), denn bei vielen der “bunten” Social Media Aktionen im B2C Bereich bin ich mir da oft nicht so sicher… Abgesehen von sehr speziellen Zielgruppen / Marken sehe ich hier einen großen Vorteil im B2B: Man kennt sich eben. Der Fokus einer Aktion kann hier viel enger gelegt werden und auch die Grundlage für viele Maßnahmen, eine fundierte Recherche, ist hier wesentlich valider: Häufig haben im B2B Bereich Kunden einen persönlichen Berater mit dem man sich auch mal auf einen Kaffee trifft oder sich zumindest in diversen Telefonaten etwas besser kennen gelernt hat und vertraut. Ein B2B Unternehmen kennt die Sorgen, Freuden und auch die persönliche Motivation der Entscheider am anderen Ende des Tisches besser als es ein wirtschaftliches B2C Unternehmen unter Berücksichtigung des Datenschutzes wohl jemals kann.
Die Leidenschaft für das Wesentliche
Das gibt es sicher auch oft im B2C Bereich: Jedes Produkt hat irgendwo mindestens einen Kunden der sich genau mit der Materie auskennt. “59mg von XYZ sind einfach besser als nur 40mg von XYZ auch wenn die da jetzt rechtsdrehende Kulturen verwendet haben”, “Mit einem 8ter Ritzel schaffst du 8 Watt mehr und ganze 7,29 km/h bergab, bei Rückenwind”, usw… Im B2B gehört so ein gefachsimpel zum ganze normalen Verkaufsgespräch. Hier interessieren Werte, Zahlen, Fakten wesentlich mehr (und vor allem in der Regel auch JEDEN Kunden) als beim Kauf eines Müsli oder einer Dose Cola. Ich bin ehrlich gesagt immer wieder beeindruckt wenn ich bei einem, mir fachfremden, B2B Sales Gespräch Mäuschen spielen darf und keine Ahnung habe was die Dichte von Öl mit dem Reibwert zu tun hat und wieso überhaupt 420,21 verschiedene Varianten hiervon im Sortiment geführt werden… Um diesen Punkt zum Ende zu bringen: Man hat hier quasi seinen eigenen Long-Tail und auch eine Art Gemeinschaft die unter sich ist. Das riecht doch schon nach dem Bedürfnis, sich auch im Social Web, beruflich, darüber auszutauschen, oder?
Jemand anderes zahlt…
Sicher kommt es auch vor, dass der Geschäftsführer selbst der Ansprechpartner ist, aber gehen wir doch mal von einem B2B Verhältnis unter Angestellten aus, was sicherlich auch der Standard ist. Das, wovon jede(r) Shop-a-holic träumt ist hier ganz normal: Man kauft Dinge ohne sie selbst zu bezahlen und wird dafür sogar noch bezahlt. Worauf ich hinaus will? Wenn ich ein Budget verwalte, und wenn mein Job irgendwie mit einer möglichst sinnvollen Verwendung zu tun hat, dann möchte ich mir sicher sein das richtige gekauft zu haben. Vertrauen, Transparenz und eine Beziehung zwischen Menschen und Marken können im Social Web hervorragend aufgebaut werden. Ich sehe hier sehr großes Potential.
Es rechnet sich…
Mein Lieblingsbeispiel ist ein Newsletter den ich jetzt analog auf eine facebook Fanpage übertrage, welche ich übrigens nur bedingt als sinnvolles B2B Social Media Instrument sehe: Angenommen ein B2C Unternehmen hat 1.000.000 Fans und das Produkt kostet 2,95 € im Einzelhandel. Ein spezieller Promotioncode nur für Fans kurbelt das Geschäft ordentlich an, darum können wir auch die Zahlen messen: 10.000 Verkäufe, ein sehr guter Wert, und daraus resultieren knapp 30.000 € Umsatz. Das B2B Unternehmen, ein Hersteller von Spezial-Schrauben verkauft seine Packung ebenfalls für 2,95 € hat allerdings nur 1.000 Fans. Hier wird ebenfalls eine Promotionaktion gefahren. Verkäufer X sieht das Angebot: Bei einer Palette Schrauben gibt es ein Dreirad mit Clown gratis dazu. Er und fünf weitere bestellen je eine Palette und generieren damit einen Umsatz von insgesamt knapp 75.000 €. Eine Milchmädchen-Rechnung? Mit nichten: Zum einen liegt die Conversionrate bei dem B2B Angebot gerade mal bei der Hälfte zum anderen sind diese Umsätze im B2B vollkommen normal. Das Learning: Social Media kann durch kleine Impulse wesentlich höhere Mehrumsätze generieren.
Sichtbarkeit durch Anwesenheit
Klar, eine Aussage die auch bei vielen B2C Angeboten zutrifft. Aber ein, zugegeben sehr extremes, Beispiel: Lufthaken-Hersteller Müller ist auf einer der größten Befestigungsmessen der Welt. Der Verkäufer Huber der Firma Festmacher nimmt nach einem interessanten Gespräch ein paar Unterlagen der Firma Müller mit da er das Gespräch ganz sympathisch fand und die Produkte wohl auch in das Sortiment passen könnten. Wenige Tage nach der Messe stellt Huber fest, er hat die Unterlagen irgendwie verlegt und beschließt wie wir alle einfach die Suchmaschine seines Vertrauens nach Lufthaken und der Messe zu suchen. Da sollte sich doch etwas finden lassen. Und Huber findet: Einen Blogeintrag von der Firma Mayer über den Messebesuch, einen tweet von Firma Mustermann über das Messegeschehen und ein YouTube-Video, mit dem Smartphone gefilmt, über das innovative Rückstoßventil im Lufthaken der Firma Mustermann. Zwar noch auf Seite eins, jedoch recht weit unten ist auch die Webseite der Firma Müller. Wir wissen es doch alle: twitter, YouTube, facebook und Co. werden im Ranking bei Suchmaschinen oft wesentlich höher eingestuft weil die Reichweite deutlich höher ist. Man darf auch nicht vergessen: Wie denkt denn Huber über das authentische YouTube-Video oder den Blogeintrag mit Hostessen-Fotos? Sicher wird die Firma Müller mit einbezogen in die Gespräche, aber zwei weitere Lufthaken-Anbieter sind wohl mit im Rennen…
Und wenn ich mal ‘nen Shredder für Autos brauche…
Shredder? Ja. Diese großen Metallmonster: Oben kommt ein Auto rein und unten wahlweise ein Würfel oder Metallkonfetti. Ich habe mich noch nie mit diesem Thema beschäftigt und ich hab auch keine Ahnung wo genau is so etwas beziehen könnte allerdings weiß ich dank YouTube wen ich zu erst anfrage: SSI. Die bauen Shredder… und was für welche… da kann man alles reinschmeißen und ich kann mir auf YouTube wünschen was als nächstes rein soll. Wenn ich das richtig sehe gibt es über 250 Folgen, die erste vor bereits drei Jahren. Insgesamt haben die 69 Videos auf dem YouTube Channel derzeit knapp 12 Millionen views. Bei einer tatsächlichen Conversionrate von 0,0000167%, also zwei verkauften Shreddern, mach das sicherlich nur einen Bruchteil des Umsatzes aus… Aber es lohnt sich ab dem ersten Verkauf und lockt gerade die im B2B wertvollen New-Entries, also Neukunden die vorher noch bei keinem Mitbewerber Kunde waren, an.
Sicher sind diese Punkte noch nicht vollkommen zu Ende gedacht, ich wollte aber in die Presche für B2B Social Media springen, da ich hier einen deutlichen Mehrwert für Unternehmen und deren Kunden sehe. Ich denke im B2B muss man noch indirekter denken und gleichzeitig liegt die Lösung im Long-Tail. Das hört sich erstmal nicht effizient an, ist es aber, denn wer misst Social Media schon nach der Anzahl der Fans, Follower und Co.?
Wer kann das schon sagen…
Cem schließt seinen Blogbeitrag mit “Die reale Wirtschaft läuft (immer noch) ausserhalb der Social Media Plattformen. Oder sehe ich das verkehrt?”. Es gibt sicher noch keine facebook App in der ich Shredder oder Atomkraftwerke bestellen kann – so richtig sinnvoll wäre das auch nicht. Schließlich werden in der realen (B2B-)Wirtschaft auch mit realen Unterschriften und realen Waren Verhandlungen abgeschlossen. Bleiben wir aber in der richtigen Branche, ITK, dann sehe ich hier jeden Tag zumindest Geschäftsanbahnungen: Sei es mit Freelancern, mit denen ich zusammenarbeiten möchte weil ich sie über XING oder twitter empfohlen bekommen habe oder mit einem neuen Software-as-a-Service den ich auf twitter abonniert habe weil ich auf ein feature warte um dann darauf umzusteigen. Und nicht zu guter Letzt, lieber Cem und lieber Michael, ist das hier gerade auch B2B Social Media (Ja, Michael, Blogs sind Social Media sonst würden wir hier nicht diskutieren sondern eine Zeitung schreiben
)…
Noch zwei Lesetipps
B2B vs. B2C wofür sich Social Media eignet
B2B und Social Media: Ein Markt wacht auf
Reaktionen
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flo
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Michael Nordmeyer
